Das tragische Ende einer Auswanderung


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• Heinrich Friedrich Wilhelm Ihmsen wurde am 23. März 1804 auf der Glashütte Emde geboren. Seine Eltern waren Johann Carl Friedrich Ihmsen, Mitbesitzer der Glashütte Emde, und seine erste Frau Dorothea Louisa Henrici.

• Über seine Jugend ist nichts bekannt. Die Fährte von Heinrich Friedrich Wilhelm läßt sich erst wieder 1826 in Niedervorschütz, Hessen bei seiner Heirat aufnehmen. Er ist der Pächter der Clausmühle dort, und ist wahrscheinlich auch Gutsverwalter, worauf die Bezeichnung „Oeconom“ schließen läßt. Am 21. April 1826 heiratete er  Elisabeth Henriette Wilhelmine Keil, geb. am 25. Mai 1797. Sie verstarb am 26.Feb. 1834 in Niedervorschütz  im Alter von 36 Jahren.

• Aus dieser Ehe stammten drei Kinder: Wilhelm, geboren1827, Diedrich, geboren 1830 und gestorben 1831, sowie Maria, geboren 1832.

• Welche Gründe ihn bewegten, ins 200 km östlich gelegene Mansbach zu gehen, ist unbekannt, genauso wie der genaue Zeitpunkt. Er war Witwer. Dieser Umzug muß nach 1842 geschehen sein, da sein Sohn Wilhelm nicht in Mansbach konfirmiert wurde, sondern wahrscheinlich Anfang der 1840er Jahre in Niedervorschütz, doch existieren die Kirchenbücher aus der Zeit nicht mehr. Er muß aber vor 1844 dorthin gekommen sein, da die Konfirmation der Tochter Maria dort verzeichnet ist. In Mansbach muß er Gutspächter entweder der Familie von Mansbach oder derer von Geisow gewesen sein, da diese Familien die einzigen waren, die Güter in diesem Ort besaßen. Im  Branntweinverbrauchssteuerverzeichnis der Pächter der adligen Güter von Mansbach ist er 1844 aufgeführt.

• Es ist nicht bekannt, ob er seine Aufgaben in Mansbach und Niedervorschütz parallel ausführte, oder ob er irgendwann nach Mitte 1840 Mansbach aufgab und wieder nach Niedervorschütz zurückkehrte. In den folgenden Aktenauszügen aus dem Staatsarchiv Marburg über seinen Antrag auf Auswanderung wird sein Wohnsitz jedenfalls als Niedervorschütz angegeben.

• Es existieren Dokumente der Oberen Verwaltungs-Behörde Fritzlar vom 13. Juni 1849 in denen der Oeconom Heinrich Imsen (47) aus Niedervorschütz darum bittet, mit seinen Kindern aus dem Untertanenverhältnis des Landes entlassen zu werden. Es wird angeführt, daß er Wittwer sei, mit einem Sohn Wilhelm (22) und einer Tochter (17). Wilhelm hatte seinen Militärdienst am 07. Feb. 1849 angetreten, aus dem er zwecks Auswanderung vorzeitig entlassen wurde unter der Auflage, daß er diesen Dienst fortführen muß, sollte die Auswanderung nicht stattfinden. Heinrich möchte nach Nordamerika auswandern und es gibt keine Einwände gegen dieses Vorhaben. Er erhält die Urkunde, die ihn aus dem Untertanenverband entläßt, am 25. Juni 1849. Vorher erhielt Wilhelm seine Entlassungsurkunde aus dem Militärdienst am 19. Juni.

• Die Gründe für Heinrichs Auswanderung sind nicht überliefert, doch werden die politischen und sozialen Umstände jener Zeit zu seinem Entschluß geführt haben. Einerseits herrschte in Hessen große politische Unruhe, besonders seit der gescheiterten Revolution von 1848, doch liegen die eigentlichen Ursachen hierfür noch vor dieser Zeit. Sie gründen auf dem Widerstand des Kurfürsten, seinen Untertanen die politischen Rechte zuzugestehen, die sie während der napoleonischen Zeit hatten. Andererseits ging es der Bevölkerung wirtschaftlich nicht gut. Durch die Industrialisierung in England – mechanischer Webstuhl (Cotton Ginny), Dampfmaschine – hatte die deutsche, aber besonders auch die hessische Wirtschaft sehr gelitten, vor allem die Leinenweberei, Dieses wirkte sich wiederum ungünstig auf den landwirtschaftlichen Anbau aus. Außerdem kam es immer wieder zu Mißernten, besonders bei Getreide durch lange, kalte Winter und sehr nasse Sommer.

• Heinrich konnte sicher nicht als vermögend bezeichnet werden. Sein Barbesitz wurde in den Akten mit 1300 Reichstalern angegeben. Wahrscheinlich konnte er sich jedoch mehr leisten, als der durchschnittliche Auswanderer jener Zeit. Nach unterschiedlichen Meinungen lag der Umrechnungsfaktor zum Dollar zu jener Zeit zwischen eins und drei, so daß Heinrichs Vermögen zwischen 1.300 und 3.900 US Dollar betrug.

• Die Auswanderung findet statt. Die Überfahrt von Bremen nach New York unternahmen Vater und Sohn als Kabinenpassagiere auf dem Dreimaster F. J. Wichelhausen unter  Capt. Warnken. Der Preis für eine Überfahrt auf einem Segelschiff betrug zwischen 30 und 50 Talern..

• Nach Abfahrt am 26. März 1850 von Bremerhaven und „zufriedener“ Fahrt kommt das Schiff am 16. Mai 1850 mit Heinrich und Wilhelm in New York  mit insgesamt 220 Passagieren an Bord an. Die Tochter Maria ist nicht mit an Bord, doch gibt es Informationen, daß ein William G. Hahn aus Hessen-Cassel mit einer Mary Rebecca Ihmsen verheiratet war. Es ist unbekannt, wann sie in die USA kamen.

• Wie die Ihmsens von New York aus weiter reisten konnte nicht festgestellt werden. Ihnen standen verschieden Möglichkeiten zur Verfügung:

    - über den Landweg mit einer Postkutsche

    - über Kanäle, Seen und Flüsse mit einem Dampfschiff

    - mit der Eisenbahn

    - evtl. eine Kombination obiger Möglichkeiten

• Die Wahl des Weges hing wahrscheinlich auch davon ab, wieviel Gepäck sie dabei hatten. Die Fahrt über die Wasserwege war bequemer und auch kostengünstiger, man konnte hier das meiste Gepäck mitnehmen. Die Bahnfahrt war wohl die schnellste Reiseart. Sicher hing auch viel davon ab, welche Beratung sie bekamen, und welche Reiseinformationen sie nach ihrer Ankunft in New York finden konnten. Ob sie wohl der englischen Sprache, zumindest teilweise, mächtig waren?

• Falls die Ihmsens, wie in der Passagierliste angemerkt, nach Ohio gingen, war der Aufenthalt dort nur von kurzer Dauer, denn noch im Einwanderungsjahr 1850 läßt sich ihre Anwesenheit im Nachbarstaat von Ohio, in Indiana nachweisen.

• Heinrich stellte dort am 17. Juni 1850, und Wilhelm, jetzt amerikanisiert „William“, am 11. Sep. 1850 im “Court of Common Pleas” in Brookville, Franklin County, Indiana einen Antrag auf Einbürgerung in die USA.

• Während der folgenden 10 Jahre konnte nur eine Information über die Ihmsens gefunden werden:  Am 12. Oktober 1857 stellte William / Wilhelm Ihmsen einen Antrag auf einen Reisepaß. Er wird beschrieben als Person mit braunem Haar und dunkelbraunen Augen, der 1,82m. groß war. Der Paß wurde am 6. Januar 1858 in Brookville, Indiana ausgestellt. Es ist nicht bekannt, wozu William diesen Paß brauchte. Vielleicht begleitete er seine Schwester und seinen Schwager William Hahn nach Deutschland.

• Schließlich konnte Heinrich, jetzt auch amerikanisiert als „Henry“ in der Volkszählung von 1860 St. Peter, Highland Township, Franklin County, Indiana gefunden werden:  Henry Ihmsen, 59, männlich, Farmer, 2300 [$ Grundbesitz], 300 [$ Barvermögen], aus Hessen.

• In einem benachbarten, südlichen County konnte auch William gefunden werden: Er muß wohl 1858 oder 59 geheiratet haben und hatte eine Tochter - Wilhelmina. Ihr Geburtsdatum soll 24. Mai 1859 gewesen sein. Seine Frau soll Elisabeth Hahn, eine Schwester des Ehemannes von Williams Schwester Maria / Mary  - William Hahn - gewesen sein und am 14. Oktober 1839 in Hessen Cassel geboren sein:

• 1860 Census, Kelso Township., Dearborn County, Indiana

    - Ihmsen, William, 32, männlich, Farmer, 1500 [$ Grundbesitz], 200 [$ Barvermögen], aus Hessen-Cassel, nicht innerhalb des Jahres geheiratet.

    - Elizabeth, 20, weiblich, aus Hessen-Cassel, nicht innerhalb des Jahres geheiratet.

    - [Wilhel]Mena, 1/12, weiblich, aus Indiana.

• Kurz nach der Volkszählung hat Heinrich wieder geheiratet. Henry Ihmsen und Margaret Bensing heirateten in Brookville, Franklin County, Indiana am 24. Juli 1860. Sie war auch Witwe, ihr Mann Mathias im gleichen Jahr, 1860, verstorben.

Heinrichs Tochter Maria ist auch nach Franklin County, Indiana gekommen, doch ist unbekannt, wann. Jedenfalls konnte das Heiratszertifikat gefunden werden. Am 29. July 1852 wurde die Heiratslizenz für William G. Hahn und Mary Ihmsen ausgestellt. William und Maria 1857 / 58 mußten noch einmal nach Deutschland reisen, um ein Erbe anzutreten. Während der Rückreise in die USA soll an Bord des Schiffes 1858 ihre Tochter Eliza geboren worden sein.

• William Julius Hahn wurde am 13. Juni 1828 in Kassel in Hessen geboren. Auch von ihm gibt es eine „Declaration of Intent“ (Willenserklärung zur Einbürgerung). Sie ist vom 17. Juni 1852 datiert. Es ist interessant zu sehen, daß sein Name als William Julius Hahn angegeben war, doch dann der Name „Julius“ durchgestrichen und durch „Giles“ ersetzt wurde.

• William Hahn und Maria Ihmsen hatten folgende Kinder:

    1. William Hahn, geb. 11.03.1856

    2. Eliza Henriette Hahn, geb. 12.04.1858, Ont., Canada (Geboren auf See?! Hiernach ist anzunehmen, daß die Hahns bei ihrer Rückkehr aus Deutschland nicht über New York, sondern über Kanada reisten.)

    3. Charles Hahn, geb. 02.05.1860

    4. Mary E. Hahn, gestorben 26.03.1863

    5. Michael Hahn, geb. 07.09.1865

• Sie haben in Southgate, Highland Township, Franklin County, Indiana wohl auf ihrer eigenen Farm gelebt.

• William Ihmsen und William Hahn haben beide am amerikanischen Bürgerkrieg teilgenommen. 1861 haben sie sich in Indianapolis registrieren lassen. Die Militärakte von William Hahn ist weitgehend erhalten, während von William Ihmsen bislang nichts gefunden werden konnte. William Hahn schrieb sich am 24. August 1861 in die Unions Armee in Indianapolis ein und verpflichtete sich auf 3 Jahre. Er trat seinen Dienst am 25. August im Rang eines Sergeants an. Im Laufe seiner Karriere wurde er bis zum 1. Leutnant befördert.

• Im Februar 1863 kam es in Highland Township, Franklin County auf der Farm von Heinrich Ihmsen zu einem unfaßbar schrecklichen Ereignis. Die Gründe hierfür liegen im Dunkeln und es ist ungewiß, ob sich der Vorfall jemals genau klären lassen wird.

• Die Zeitung „Franklin Democrat“, Brookville vom 20. März 1863 berichtete, daß William Ihmsen am Montag, den 16. Februar 1863 in das Haus seines Vaters kam. Scheinbar saß die Familie am Abendbrottisch zusammen, als es zu einem Streit zwischen Vater und Sohn kam. Der Streit muß sehr heftig gewesen sein, so daß der Sohn in seiner Rage vom Tisch aufsprang und in das obere Stockwerk des Hauses lief. Dort holte er sich seinen Revolver, lief wieder in das Eßzimmer und erschoß seinen Vater mit zwei Schüssen. Anschließend verließ er das Haus um zu flüchten.

• Ein Grund für den Streit könnte der Krieg gewesen sein. Im Zeitungsbericht des „Franklin Democrat“, einer Wochenzeitung, wird erwähnt, daß William wohl ein Mitglied in Willichs Regiment „ist oder war“. Vielleicht war er desertiert? Dieser Zeitungsbericht ist zur Zeit auch der einzige Anhaltspunkt überhaupt, daß William Ihmsen in der Armee diente.

• Mit Henry‘ s Erschießung ist die Tragödie jedoch nicht zu Ende. William war eine Woche lang auf der Flucht. Sehr wahrscheinlich wurde er von Männern des Sheriffs gesucht und gejagt. Schließlich, wohl erkennend, daß eine dauerhafte Flucht nicht möglich war, kehrte er 5 Tage später, am Samstag, den 21. Februar, wieder auf das Anwesen seines Vaters zurück, wo er sich selbst am 22. erschoß. Der Democrat berichtet hierüber am 27. Februar.

• Am 06. März 1863 gibt es im Franklin Democrat zwei Berichte des Untersuchungsrichters über die Vorfälle:

    Bericht des Untersuchungsrichters: Bei einer Untersuchung, die am 17. Feb. 1863 im Domizil des Henry Ihmsen in Highland Township, Franklin Co., Indiana vor dem Friedensrichter der besagten Township Francis Knecht, am Körper des vorerwähnten Henry Ihmsen, der dort tot lag, abgehalten wurde, wurde eine Jury aufgestellt und eingeschworen, die als Urteil abgab, daß der Verstorbene zu Tode kam, indem er zwei Schüsse abbekam, einen in den linken Arm, und den anderen in seine linke Seite, die den sofortigen Tod verursachte, und die Jury glaubt weiter, daß William Ihmsen die Person ist, die Henry Ihmsen erschoß. Der Verstorbene war 62 Jahre alt.

Bericht des Untersuchungsrichters: Bei einer Untersuchung, die am 22. Feb. 1863 im Domizil des Henry Ihmsen in Highland Township, Franklin Co., Indiana vor dem Friedensrichter der besagten Township Francis Knecht, am Körper des William Ihmsen, der dort tot lag, abgehalten wurde, wurde eine Jury aufgestellt und eingeschworen, die als Urteil abgab, daß der Verstorbene zu Tode kam, indem er sich selbst in die linke Seite schoß, die Kugel trat zwischen der 2. und 3. Rippe seines Körpers ein.

• William Hahn, an der Front, las in einer Zeitung von diesem schrecklichen Vorfall und reichte am 02. März 1863 Urlaub für 15 Tage ein. Der Urlaub wurde ihm vom 08. März an gewährt. Am 23. März hätte er seinen Dienst wieder antreten müssen, was nicht geschah. Sicher war die Zeit, alle Angelegenheiten zu klären, von ihm zu kurz angesetzt. Er kehrte erst am 17. April zu seiner Einheit zurück, wo er prompt angeklagt und verurteilt wurde. Die Klage lautete sicher auf Desertion, was ein Todesurteil bewirkt hätte. Glücklicherweise, wohl wegen der Umstände der unerlaubten Urlaubsverlängerung, und wohl auch angesichts seiner bisherigen tadellosen militärischen Laufbahn wurde das Urteil von General Rosenkrans aufgehoben. Er setzte seine Militärkarriere fort und wurde schließlich, noch einmal befördert zum Captain, 1864 entlassen.

• Im Franklin County beschäftigte sich das Gericht noch bis 1865 mit dieser Familientragödie.

• Am 03. März 1863 erscheint Margaret Ihmsen im Common Pleas in Brookville, Franklin County, Indiana und bittet um Einsetzung eines Verwalters für den Nachlaß von Henry Ihmsen, der ohne Testament verstarb, und am gleichen Tag wird Bradbury Cottrell als Verwalter bestimmt. Er bürgt für diese Tätigkeit mit $ 600.00, die von John L. Case gesichert wird.

• Am 05. März 1863 hinterlegt der Verwalter Bradbury Cottrell eine Liste des persönlichen Nachlasses Henry Ihmsens, der von John L. Case und William Wood geschätzt wurde. Der Wert des Nachlasses wurde auf $ 423.52 geschätzt.

• Am 10. März 1863 erscheint Elise Ihmsen, Witwe von William Ihmsen, vor dem Gericht und bittet um Einsetzung eines Verwalters für den Nachlaß von William Ihmsen. Es wird Nicholas Bath bestimmt, der für $ 400.00 bürgt, und diese Bürgschaft wird durch Francis Knecht und John B. Morman abgesichert.

• Da trotz der Tragödie das Leben weitergeht, und Personen für ihr Leben sorgen müssen, kommt es schon im April 1863 zu einer Hochzeit. Elise Ihmsen heiratet, wohl auch zur Sicherung der Versorgung Ihrer kleinen Tochter, Michael T. Hertel am 28. April 1863. Wilhelmina wird jedoch von ihm nicht adoptiert und behält den Namen Ihmsen. Sie heiratet einen Daniel Kühn und beide leben mit ihren Kindern auf einer Farm im Kelso Township, Dearborn County, Indiana. Es ist wohl die Farm von William Ihmsen gewesen, die Wilhelmina nach ihrer Volljährigkeit bekommen hat.

 


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Letzte Änderung: 11.11.2011 (©Hans Ihmsen)